Abschiedstournee

Am 30. November machte ich mich mit Yoann und Jonathan aus Frankreich auf nach Dehli um meinen Indienaufenthalt mit einer drei wöchigen Reise zu beschließen. Da man in drei Wochen natürlich sehr viel erlebt will ich mich hier auf die wichtigsten Ereignisse und einige Beobachtungen beschränken.

Dehli

Dehli ist nichts für schwache Gemüter. Nach unserer Ankunft sahen wir auf dem Weg zum Frühstück eine Leiche auf der Straße liegen. Sie war nur notdürftig mit einem Stück Stoff zugedeckt. Uns wurde erklärt, dass der Mann einer Schlägerei am Abend zuvor zum Opfer gefallen war. Die Leiche zu beseitigen oder Ermittlungen auf zu nehmen fiel keinem ein. Am selben Abend habe ich auch eine brutale Schlägerei gesehen, bei der einer der Kontrahenten mit einem fahrenden Bus kollidierte und am nächsten Tag wurden mir meine Schuhe in der größten Moschee des Landes geklaut. Auch die Armut ist in Dehli im Gegensatz zu Bangalore all gegenwärtig. Man sieht ganze Familien die Ihr Leben auf Verkehrsinseln verbringen und die Anzahl der Bettler ist sehr hoch. Ich erwähne diese Schattenseite, da ich Indien ansonsten als ein sehr sicheres Land kennen gelernt habe. Die Hindus haben sich dem friedfertigen Leben verschrieben und so sind viele sogar Vegetarier und mir ist außer meinen Schuhen bei 90 Austauschstudenten nur ein weiterer Fall von Diebstahl bekannt.

Wir haben in unseren drei Tagen in Dehli verschiedene Sehenswürdigkeiten angeguckt, jedoch am meisten hat mich die Altstadt von Dehli beeindruckt. Das ist wohl der verrückteste Ort den ich je gesehen habe. Die Hauptstraßen sind übervoll mit Fahrradrikschaws, Kühen, Trägern, Fußgängern. Es wird gehupt, geflucht und gedrängelt, oft geht es keinen Schritt mehr weiter. Doch sobald man abbiegt, befindet man sich in einem Gewirr aus kleinen, lebendigen, aber erstaunlich ruhigen Gassen in denen man sortiert nach Produkten alles, aber auch wirklich alles kaufen kann, nach dem der Inder verlangt.

Eine halbe Woche nach den Attacken von Mumbai befand sich Indien auch in Deutschland sehr im Fokus und so wurde ich live vom Moderator von Eins Live dem Jugendradio des WDRs interviewt. Eine lustige Geschichte, da dass Interview aber um 6.40 Uhr deutscher Zeit statt fand, bezweifel ich, dass es all zu viele gehört haben.

Agra

Am 2. Dezember fuhren wir abends mit der Bahn nach Agra. Der Wecker klingelte am nächsten morgen um halb sechs, wir wollten die ersten am Taj Mahal sein. In den Tagen zuvor war es sehr nebelig, was die Wirkung völlig zerstört. Doch wir sollten Glück haben, die Sonne ging an einem wolkenlosen Tag auf. Ich war eigentlich nur zum Taj Mahal gekommen, weil es günstig auf dem Weg lag. Doch was sich dann zu sehen bekam verschlug mir den Atem. Ich habe noch nie ein so schönes Gebäude gesehen. In zwei Stunden habe ich 120 Fotos geschossen. Der Taj Mahal wurde vom Großmogul Shah Jahan in Gedenken an seine verstorbene Hauptfrau Mumtaz Mahal gebaut. Die wahrscheinlich schönste Liebeserklärung der Welt.

Keoladeo Nationalpark

Ganz in der Nähe von Agra liegt der Keoladeo Nationalpark. Im Winter ein Brutplatz für tausende Vögel. Was zunächst langweilig klingt wurde ein wunderschöner Tag. Mit dem Drahtesel haben wir das Gebiet erforscht und sahen riesige Kolonie von Buntstörchen, kleine Eisvögel mit herrlichem Federkleid, Wildschweine, Affen, Adler und noch viele schöne und seltsame Vögel. Wir blieben bis zum Tagesende und sahen einem Hirschpaar im Sonnenuntergang weiden…ah, wie kitschig.

Jaipur

Am 4. Dezember zog es uns nach Rajhastan, die erste Station war Jaipur. Das Backpackerleben in Indien bietet unheimlich viel Abwechslung und ist absolut empfehlenswert, aber es ist auch kein Wellnessurlaub. Die schwierigen Seiten haben uns durch ihre geballte Form den Aufenthalt in Jaipur vermiest. Der Bus, der uns in die wegen der farbigen Häuser so genannte Rosa-Stadt bringen sollte, war heiß und zu spät. Am Busbahnhof angekommen wurden wir natürlich gleich von einer Horde Rikshaw-Fahrern umringt – jeder von Ihnen ist stürzt sich auf das vermeintlich frische Touristenfleisch. Wer ahnungslose Weiße zum „richtigen“ Hotel fährt bekommt eine saftige Provision, die dem Gast natürlich auf den Hotelpreis aufgeschlagen wird. Zusätzlich kann man ja auch noch versuchen, den zwei bis dreifachen Preis zu erzielen. Wir haben uns dann für ein Prepaid-Rikshaw entschieden, welches uns zu einem Hotel unserer Wahl brachte, welches wundersamer Weise, trotz mehrfacher Beteuerung, doch nicht geschlossen hatte. Doch hier ging die Diskussion mit dem Fahrer natürlich gleich weiter: „Where you go now?“ „150 Rupies to the waterpalace – cheep price!“. Das Zimmer welches wir bezogen, hatte keine warme Dusche und die Glastür am Eingang vermittelte nicht unbedingt das Gefühl von Sicherheit, der Preis jedoch war für den Standard gesalzen. So machten wir uns bald zu Fuß zum nächst gelegenen Restaurant auf. Zum ersten Mal versagte meine Reise-Bibel, der Lonleyplanet, die Karte war falsch. So machten wir uns in die Innenstadt auf, verfolgt von einem hartnäckigen Fahrradrikshawfahrer, der so aufdringlich war, dass mir fast der Kragen geplatzt ist. Ohne auch nur ein Wort Englisch zu sprechen, mischte er sich in ständig in unser Gespräch ein und fasste uns ständig an, sein Atem stank nach billigem Alkohol. Nach einiger Zeit erreichten wir dann endlich ein Restaurant, welches mittelmäßige Qualität zu hohen Preisen lieferte. Um vier Uhr nachmittags begannen wir dann mit der Besichtigung, andauernd belagert von Bettlern und Geschäftsleuten, die mit allen Mitteln versuchten uns in ihr Geschäft zu locken.

Der wunderschöne Citypalast, ein großes Observatorium und ein gewaltiges Fort gingen so völlig unter und spätestens als wir am nächsten Tag 90 Minuten auf unseren Frühstückstoast und unsere Omelettes warteten, wollten wir die Stadt unbedingt verlassen. Doch natürlich sollte auch die Abfahrt aus Jaipur kein Spaß werden. Mit einer Stunde Verspätung verließ unser Nachtzug den Bahnhof und kam nach ätzenden 14 Stunden später in Jaisalmer an. Ab acht Uhr morgens merkten wir, dass wir in der Wüste waren – ein feiner Sandstaub legte sich über unsere Rucksäcke.

Jaisalmer

Jaisalmer ist für indische Verhältnisse eine wunderschöne, ruhige aus gelbem Sandstein erbaute Stadt und so beschlossen wir drei Tage Station zu machen. Nur wenn ein Krieg zwischen Pakistan und Indien ausgebrochen wäre, hätte wir wenige Kilometer vor der pakistanischen Grenze eine zu gute Aussicht gehabt.

Das besondere an meiner Reise durch Indien, waren die vielen Leute die ich kannte. In den drei Wochen habe ich über 30 Studenten getroffen, in jeder Stadt jemand anderen. In Jaisalmer waren besonders viele zur gleichen Zeit. Karoline aus Norwegen schloss sich für eine Woche unserer Jungstruppe an.

Am zweiten Tag starteten wir mit acht Leuten eine Kamelsafari. Ein Jeep brachte uns in die Wüste und dann bestieg jeder sein Kamel. Ich bekam ein Rennkamel zu gewiesen, was dazu führte, dass wir beide immer von einem Kameltreiber unter Kontrolle gehalten wurden. Mein Kamel und mich verband die Abneigung unserem Treiber gegenüber, der uns die Freiheit eines ungestümen Kamelgalopps durch die Wüste verwährte. Die Reise auf einem Wüstenschiff ist eine wirklich lustige Sache, doch spätestens am zweiten Tag wünscht man sich alles andere als einen weiteren, schmerzhaften Meter zu reiten.

Die folgende Nacht auf einer Sanddüne, war meine erste unter freiem Himmel und sie sollte einige Überraschungen bereithalten. Nachdem die Gesänge der Kameltreiber verklungen und das Lagerfeuer erloschen war, legten wir uns in unsere Feldstatt. Um ein Uhr nachts wachte ich auf und direkt neben meinem Kopf graste ein aus der Froschperspektive riesig wirkendes Kamel; wie man so laut schmatzen kann. Ein weiteres Mal wachte ich um fünf Uhr auf – der Mond war untergegangen und der Sternenhimmel war Atemberaubend. Ich habe nie zuvor annähernd so viele Sterne gesehen.

Johdpur

Am Mittwoch den 10. September machten wir uns dann abends nach Johdpur aus und besichtigten wir ein wunderschönes Fort und einen belebten, aber sehr idyllischen Markt. Das Fort wartete mit einer spannenden Audio-Führung auf und wir tauchten in die Welt der Maharadschas ein. Beispielsweise konnte man die Abdrücke der kleinen Hände der Frauen sehen, die sich kurze Zeit später mit Ihrem Mann dem verstorbenen Maharadscha verbrannten. Rajasthan ist das Land der Könige und jeder hatte sein eigenes großes Fort und Macht im begrenzten Bereich. Über die Grenzen hinaus konnte die Herrschaft nie ausgedehnt werden, da die Unstimmigkeiten untereinander eine längere Zusammenarbeit verhinderten.

Udaipur

Die nächste Station war Udaipur. Diese nächste Königsstadt kann mit einem großen Stadtpalast und zwei Palästen im See aufwarten. Die Kulisse ist so gewaltig, dass der James Bond Film Octupussy hier zum Großteil gedreht wurde. Es ist wirklich lustig sich erst alles anzuschauen und dann im Video wieder zu erkennen. Auch hier gibt es immer noch einen Maharadscha und einer seiner Familie war kurz zuvor gestorben und so sahen wir die Verbrennung der Leiche, die drei Tage schmoren musste und dann nach Varanasi, die heiligste Stadt der Inder verschifft wurde.

Ahmedabad

So langsam löste sich unsere Gruppe auf. Karoline flog von Udaipur nach Goa. Jonathan, Yoann und ich fuhren mit dem Nachtzug nach Ahmedabad. Hier wollte Jonathan einen Schlafzug nach Mumbai nehmen. Dieser fiel aus und so nahm er einen von den normalen Zügen. Hier war alles „all inclusive“: Rennen zum Zug, rein springen und dann mit vollem Körperkontakt neun Stunden Zugfahrt.

Für Yoann und mich sollte Ahmedabad eigentlich nur ein Zwischenstation für unseren Flieger nach Goa am Abend werden, doch es wurde einer der Höhepunkte unser Reise. Zunächst waren wir völlig erstaunt, dass der Rikshawfahrer morgens um fünf den korrekten Preis von 30 Rupien nannte. In jeder anderen Stadt würden Rikshawfahrer eher 300 Rupien verlangen, als 30, doch in Ahmedabad sind die Menschen ehrlich. Nach ein wenig Schlaf in einem schrecklichen Hotel, schlossen wir uns einer Stadtführung durch die Altstadt an. Anstatt Lärm und Krach erlebten wir eine fantastische Morgenstimmung; anstatt dem Versuch ständig Etwas an uns zu verkaufen, wurden wir nur freundlich gegrüßt; anstatt eines Wohnbaulichem Chaos, fanden wir kleine Dörfer in der 4,5 Millionen-Stadt. Ich konnte mich nicht satt sehen und habe unzählige wunderschöne Fotos von Menschen geschossen, die aus dem Fenster gucken.

Goa

„Ich bin nicht nach Indien gekommen, um mir Strände anzuschauen“ war mir in den Monaten immer wieder über die Lippen gekommen. Dies ist zwar richtig, aber für meine letzte Woche in Indien hätte es keinen besseren Ort geben können. Ich habe noch nie so schöne Strände gesehen und einfach nur die Seele baumeln zu lassen war großartig.

Die erste halbe Woche verbrachte ich mit Yoann und vier französischen Mädels in Arambol im Norden von Goa. Das Klischee von Hippies und Drogen, welches bei vielen wohl im Kopf ist, wird hier definitiv übertroffen. Blumenkinder gehören genauso zum Strandbild, wie Hunde und Kühe. Am Strand wurden uns Jungs sehr häufig Drogen angeboten, selbst von Taxifahrern und einfachen Kioskbesitzern. Sowohl von Dealern, als auch von den Mädels, die sich oftmals nicht in die gefährlichen Gewässer der englischen Sprache trauten, stören lassen und fühlte mich wie im Paradies. Das Essen war gut, das Meer warm und der Strand ein Traum. Ein Paraglidingflug mussten mein Lehrer und ich mangels Wind leider kurz vor dem Start abrechen, jedoch konnte ich mit Delphinen, die sich nicht weit vom Strand tummelten, schwimmen.

Am ersten Tag hatte ich noch ein Telefoninterview mit einem Sportwagenhersteller. Da in unserem Hotelzimmer kein Handyempfang hatte, setzte ich mich für das Gespräch unter Palmen an den Strand.

Meine Franzosen reisten nach drei Tagen ab und so begab ich mich in den Süden zu einer mehrheitlich deutsch-französischen Gruppe. Auf dem Weg nutze ich die günstigen, indischen Preise und fuhr Jetski und ließ mich mit dem Gleitschirm an ein Boot binden, dass so genannte Parasailing.

In Palolem stand Party, Sonnenbaden und Rollerfahren auf dem Programm. Das Rollerfahren mit sieben anderen Rollern und einer hübschen Französin auf dem Sozius ist eine angenehme Freitzeitbeschäftigung.

Rückreise:

Am Sonntagmittag ging es mit zwei Deutschen Richtung Bangalore, wo noch mein Koffer stand los. Zwei Taxifahrten, einer 16 stündigen Nachtzugfahrt durch den Dschungel, vorbei an riesigen Wasserfällen und Schluchten, mehreren Rikshawfahrten, einer letzten Rasur beim Barbier, zwei Flügen, fünf Stunden Wartezeit in Mumbai, zwei deutschen Zügen und einem finalen Bus nach Benhausen und 58 Stunden später, konnte das Weihnachtsfest beginnen. Schön wieder zu Hause zu sein, auch wenn ich Indien sehr vermissen werde.

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